ERP-Wechsel: Wann und wie gelingt der Umstieg auf ein neues System?

Ein ERP-System bildet das digitale Rückgrat eines Unternehmens. Es verbindet zentrale Abläufe in Einkauf, Vertrieb, Materialwirtschaft, Produktion, Lager, Rechnungswesen und Controlling. Passt das System nicht mehr zu den betrieblichen Anforderungen, entstehen häufig manuelle Umwege, Medienbrüche, fehlende Transparenz und steigende Betriebskosten.
Ein ERP-Wechsel kann diese Einschränkungen beseitigen. Er ist jedoch weit mehr als der Austausch einer Software. Unternehmen müssen ihre Prozesse analysieren, Anforderungen definieren, ein geeignetes System auswählen, Daten bereinigen, Schnittstellen aufbauen, Mitarbeitende schulen und den Übergang in den Produktivbetrieb absichern.
Der richtige Zeitpunkt für den Wechsel ist deshalb nicht erst erreicht, wenn das bestehende ERP-System technisch ausfällt. Entscheidend ist, ob die Lösung die heutige Organisation und die zukünftige Entwicklung des Unternehmens noch zuverlässig unterstützt.
Was ist ein ERP-Wechsel?
Ein ERP-Wechsel bezeichnet die Ablösung eines bestehenden ERP-Systems durch eine neue Unternehmenssoftware. Dabei werden relevante Daten, Prozesse, Funktionen, Rollen und Schnittstellen neu aufgebaut oder in die neue Lösung übertragen.
Der Wechsel umfasst typischerweise:
- Analyse des bestehenden Systems
- Bewertung der heutigen Geschäftsprozesse
- Definition fachlicher und technischer Anforderungen
- Auswahl einer geeigneten ERP-Lösung
- Planung des Einführungsprojekts
- Konfiguration der neuen Software
- Übernahme und Bereinigung von Daten
- Entwicklung oder Einrichtung von Schnittstellen
- Tests und Abnahmen
- Schulung der Anwender
- Umstellung auf den Produktivbetrieb
- Stabilisierung nach dem Go-live
- geordnete Ablösung oder Archivierung des Altsystems
Ein ERP-Wechsel berührt damit nicht nur die IT. Er beeinflusst die Arbeitsweise nahezu aller Unternehmensbereiche, die Daten im ERP-System erfassen, verarbeiten oder für Entscheidungen nutzen.
ERP-Wechsel, ERP-Migration und ERP-Update: die Unterschiede
Die Begriffe ERP-Wechsel, ERP-Migration, ERP-Einführung und ERP-Update werden häufig gleichgesetzt. Sie beschreiben jedoch unterschiedliche Vorhaben.
ERP-Wechsel
Bei einem ERP-Wechsel wird die bisherige ERP-Lösung durch ein anderes System ersetzt. Häufig ist damit auch ein Wechsel des ERP-Anbieters verbunden.
ERP-Migration
Die ERP-Migration umfasst den strukturierten Übergang von Daten, Prozessen und Integrationen in eine neue Systemumgebung. Die Datenmigration ist ein wichtiger Bestandteil, aber nicht das gesamte Migrationsprojekt.
ERP-Update oder Upgrade
Ein Update aktualisiert die bestehende Lösung innerhalb derselben Produktlinie. Ein Upgrade kann einen größeren Versionssprung umfassen, ohne dass das ERP-System grundsätzlich ersetzt wird.
ERP-Ersteinführung
Bei einer ERP-Einführung wird erstmals ein zentrales ERP-System eingesetzt. Die Ausgangslage besteht häufig aus Tabellen, einzelnen Fachanwendungen oder weitgehend manuellen Prozessen. Bei einem ERP-Wechsel existieren dagegen bereits Prozesse, Datenstrukturen, Schnittstellen und Erfahrungswerte aus dem bisherigen System.
Wechsel des Betriebsmodells
Auch der Wechsel von einer lokalen Installation zu einer Cloud-Lösung kann Teil einer ERP-Transformation sein. Ob lediglich das Betriebsmodell oder gleichzeitig die gesamte Software gewechselt wird, hängt von der vorhandenen Lösung und der ERP-Strategie ab.
Wann ist ein ERP-Wechsel sinnvoll?
Für ERP-Systeme gibt es kein allgemeingültiges Ablaufdatum. Ein älteres System kann weiterhin geeignet sein, wenn es zuverlässig gepflegt wird, aktuelle Anforderungen unterstützt und wirtschaftlich betrieben werden kann. Umgekehrt kann auch eine jüngere Lösung ungeeignet sein, wenn sie zentrale Prozesse nicht ausreichend abbildet.
Ein ERP-Wechsel sollte geprüft werden, wenn das bestehende System die Entwicklung des Unternehmens dauerhaft behindert oder wesentliche Risiken entstehen.
Die wichtigsten Warnsignale für einen ERP-Wechsel
1. Das ERP-System ist nicht mehr flexibel genug
Unternehmen verändern sich. Neue Produkte, Fertigungsverfahren, Standorte, Vertriebswege oder Geschäftsmodelle stellen zusätzliche Anforderungen an Prozesse und Daten.
Können notwendige Anpassungen nur mit hohem Aufwand umgesetzt werden, entstehen häufig Workarounds außerhalb des ERP-Systems. Tabellen, manuelle Listen und zusätzliche Anwendungen übernehmen Aufgaben, die eigentlich in einen durchgängigen Prozess gehören.
Ein Wechselbedarf kann bestehen, wenn:
- Prozessänderungen nur durch umfangreiche Programmierung möglich sind
- neue Unternehmensbereiche nicht sinnvoll integriert werden können
- weitere Nutzer, Standorte oder Gesellschaften nur schwer ergänzt werden können
- notwendige Funktionen dauerhaft außerhalb des ERP-Systems liegen
- jede Änderung Abhängigkeiten zu zahlreichen Sonderanpassungen auslöst
2. Wichtige Funktionen fehlen
Ein über Jahre gewachsenes Unternehmen benötigt häufig einen größeren Funktionsumfang als zum Zeitpunkt der ursprünglichen ERP-Einführung.
Typische Lücken betreffen:
- Produktionsplanung und Fertigungssteuerung
- Feinplanung
- Qualitätsmanagement
- Projektmanagement
- mobile Anwendungen
- Servicemanagement
- Dokumentenmanagement
- Business Intelligence
- internationale Standorte
- Mehrsprachigkeit
- unterschiedliche Währungen oder Rechnungslegungsvorgaben
Werden fehlende Funktionen durch zahlreiche Einzellösungen ersetzt, können Dateninseln und zusätzliche Schnittstellen entstehen.
3. Manuelle Prozesse und Doppelerfassungen nehmen zu
Müssen Daten aus dem ERP exportiert, in Tabellen bearbeitet und anschließend erneut in andere Systeme übertragen werden, fehlt ein durchgängiger Informationsfluss.
Typische Hinweise sind:
- mehrfache Erfassung derselben Daten
- manuelle Übertragung zwischen Abteilungen
- häufige Exporte und Importe
- Freigaben per E-Mail
- separate Listen für Planung und Controlling
- unterschiedliche Datenstände
- hoher Abstimmungsaufwand
- fehlende automatische Plausibilitätsprüfungen
Ein ERP-Wechsel bietet die Möglichkeit, solche Abläufe neu zu gestalten. Dabei sollten ineffiziente Prozesse nicht unverändert in die neue Software übertragen werden.
4. Die Systemleistung reicht nicht mehr aus
Steigende Datenvolumen, mehr Nutzer und zusätzliche Auswertungen können ältere Systeme zunehmend belasten.
Warnsignale sind:
- lange Ladezeiten
- verzögerte Buchungen
- langsame Berichte
- regelmäßige Zeitüberschreitungen
- Systemabbrüche
- eingeschränkte Verfügbarkeit
- Probleme bei wachsender Nutzerzahl
- aufwendige technische Wartung
Leistungsprobleme sollten zunächst technisch untersucht werden. Liegt die Ursache dauerhaft in der Architektur oder fehlenden Weiterentwicklung der Lösung, kann eine Ablösung wirtschaftlicher sein als weitere Übergangslösungen.
5. Der Hersteller oder Implementierungspartner beendet den Support
Ein auslaufender Support ist ein besonders kritisches Warnsignal. Ohne regelmäßige Aktualisierungen können Sicherheits-, Kompatibilitäts- und Compliance-Risiken entstehen.
Handlungsbedarf besteht insbesondere, wenn:
- keine Sicherheitsupdates mehr bereitgestellt werden
- gesetzliche Änderungen nicht mehr unterstützt werden
- die eingesetzte Produktversion nicht weiterentwickelt wird
- notwendiges Fachwissen nur noch bei wenigen Personen vorhanden ist
- Ersatz für technische Komponenten schwer verfügbar ist
- der bisherige Implementierungspartner die Lösung nicht mehr betreut
Ein ERP-Wechsel sollte in diesem Fall rechtzeitig vor dem endgültigen Supportende geplant werden.
6. Schnittstellen und Integrationen werden zum Engpass
Moderne Unternehmensprozesse benötigen einen verlässlichen Datenaustausch zwischen ERP, Maschinen, Lagertechnik, E-Commerce, CRM, Dokumentenmanagement und weiteren Anwendungen.
Ein altes ERP-System kann zum Hindernis werden, wenn:
- moderne Schnittstellen fehlen
- Integrationen nur über individuelle Zwischenlösungen möglich sind
- Daten häufig zeitversetzt übertragen werden
- neue Systeme nicht zuverlässig angebunden werden können
- Änderungen an einer Schnittstelle weitere Prozesse gefährden
- Maschinen- und Betriebsdaten nicht integriert werden können
- externe Partner nicht digital eingebunden sind
Eine neue ERP-Lösung sollte deshalb nicht isoliert bewertet werden. Entscheidend ist ihre Rolle innerhalb der gesamten Systemlandschaft.
7. Aktuelle und verlässliche Informationen fehlen
Wenn Auswertungen manuell aus mehreren Quellen erstellt werden, fehlt häufig ein einheitlicher Datenstand.
Das kann sich zeigen durch:
- widersprüchliche Kennzahlen
- unklare Bestände
- verspätete Auswertungen
- fehlende Transparenz über Auftragsfortschritte
- unterschiedliche Versionsstände
- hoher Aufwand für Monatsabschlüsse
- eingeschränkte Nachkalkulation
- fehlende Plan-Ist-Vergleiche
Ein modernes ERP-System sollte relevante Daten dort zusammenführen, wo sie für Planung, Steuerung und Entscheidungen benötigt werden.
8. Der Bedienkomfort beeinträchtigt die Produktivität
Unübersichtliche Masken und komplizierte Bedienwege können die tägliche Arbeit erschweren.
Typische Probleme sind:
- zu viele Eingabeschritte
- fehlende rollenbezogene Ansichten
- schwer auffindbare Informationen
- nicht anpassbare Oberflächen
- hoher Schulungsbedarf
- fehlende mobile Nutzung
- starke Abhängigkeit von wenigen erfahrenen Anwendern
Die Benutzerfreundlichkeit sollte dennoch nicht nur anhand des Designs beurteilt werden. Entscheidend ist, ob die Oberfläche die tatsächlichen Arbeitsabläufe effizient und sicher unterstützt.
9. Gesetzliche und regulatorische Anforderungen lassen sich nicht verlässlich erfüllen
ERP-Systeme verarbeiten zentrale Finanz-, Lieferanten-, Kunden- und Produktionsdaten. Sie müssen deshalb relevante gesetzliche und branchenspezifische Anforderungen unterstützen.
Kritisch wird es, wenn:
- notwendige Aktualisierungen fehlen
- vorgeschriebene Dokumentationen nur manuell erstellt werden können
- Zugriffe und Änderungen nicht ausreichend nachvollziehbar sind
- Aufbewahrungsanforderungen nicht sicher erfüllt werden
- Rückverfolgbarkeit nur mit Zusatzaufwand möglich ist
- Compliance-Prozesse außerhalb des Systems stattfinden
Welche Anforderungen gelten, hängt von Branche, Unternehmensstruktur und Einsatzgebiet ab. Sie sollten bereits während der ERP-Auswahl eindeutig dokumentiert werden.
10. Die Gesamtkosten des Altsystems steigen
Ein altes ERP-System kann trotz abgeschriebener Anschaffung langfristig teuer sein.
Zu den relevanten Kosten gehören:
- Wartung und Support
- Betrieb der Infrastruktur
- Pflege individueller Anpassungen
- externe Spezialisten
- manuelle Zusatzprozesse
- Betrieb ergänzender Insellösungen
- Fehlerkorrekturen
- wiederkehrende Datenaufbereitung
- eingeschränkte Automatisierung
- Ausfallrisiken
Für die Wechselentscheidung sollten daher nicht nur die Kosten des neuen ERP-Systems betrachtet werden. Ebenso wichtig sind die Total Cost of Ownership des bestehenden Systems und die wirtschaftlichen Folgen seiner Einschränkungen.
Modernisieren oder das ERP-System vollständig wechseln?
Nicht jedes Problem erfordert einen vollständigen ERP-Wechsel. Vor der Entscheidung sollten verschiedene Möglichkeiten geprüft werden.
Bestehendes System optimieren
Eine Optimierung kann sinnvoll sein, wenn die technologische Basis weiterhin zukunftsfähig ist und fehlende Funktionen ergänzt werden können. Mögliche Maßnahmen sind:
- Prozesse neu konfigurieren
- ungenutzte Standardfunktionen aktivieren
- Stammdaten bereinigen
- veraltete Anpassungen entfernen
- zusätzliche Module einführen
- Oberflächen neu gestalten
- Schnittstellen modernisieren
- Mitarbeitende gezielt schulen
Versionswechsel durchführen
Ein Upgrade kann ausreichen, wenn die neue Version die funktionalen und technischen Anforderungen erfüllt und bestehende Anpassungen sinnvoll übernommen werden können.
Betriebsmodell ändern
Der Wechsel von On-Premise in die Cloud kann den technischen Betrieb modernisieren. Er löst jedoch keine grundlegenden funktionalen oder prozessualen Probleme, wenn die zugrunde liegende Software unverändert bleibt.
ERP-System vollständig ablösen
Eine vollständige Ablösung ist besonders dann sinnvoll, wenn mehrere grundlegende Einschränkungen zusammenkommen. Dazu gehören fehlender Support, ungeeignete Technologie, unzureichende Funktionalität, hohe Betriebskosten und eine fehlende Produktstrategie.
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ERP-Wechsel vorbereiten: Ziele vor der Softwareauswahl definieren
Ein häufiger Fehler besteht darin, direkt mit Anbietern und Produktdemonstrationen zu beginnen. Vorher muss geklärt werden, welche betrieblichen Probleme der ERP-Wechsel lösen soll.
Mögliche Projektziele sind:
- Medienbrüche reduzieren
- Daten zentralisieren
- Fertigungsprozesse besser planen
- Bestände transparenter steuern
- Durchlaufzeiten verkürzen
- internationale Standorte integrieren
- mobile Prozesse ermöglichen
- Systembetrieb vereinfachen
- neue Geschäftsmodelle unterstützen
- manuelle Arbeit reduzieren
- Berichtswesen beschleunigen
- Rückverfolgbarkeit verbessern
Die Ziele sollten messbar formuliert werden. Nur dann lässt sich später beurteilen, ob der ERP-Wechsel die erwarteten Verbesserungen erreicht hat.
Ist-Analyse von Prozessen und Systemlandschaft
Vor der Auswahl eines neuen ERP-Systems muss die aktuelle Ausgangslage dokumentiert werden.
Die Ist-Analyse umfasst:
- Geschäftsprozesse
- Systeme und Anwendungen
- Schnittstellen
- Datenquellen
- manuelle Arbeitsschritte
- individuelle Anpassungen
- Rollen und Berechtigungen
- Berichte und Kennzahlen
- gesetzliche Anforderungen
- aktuelle Probleme
- geplante Unternehmensentwicklung
Dabei sollte nicht nur erfasst werden, wie Prozesse dokumentiert sind. Entscheidend ist, wie sie im Arbeitsalltag tatsächlich durchgeführt werden.
Anforderungen und Lastenheft erstellen
Aus der Ist-Analyse und den Projektzielen entstehen die Anforderungen an das neue ERP-System.
Sie lassen sich typischerweise gliedern in:
Funktionale Anforderungen
- Einkauf
- Vertrieb
- Materialwirtschaft
- Produktionsplanung
- Fertigungssteuerung
- Lager
- Qualitätsmanagement
- Projektmanagement
- Rechnungswesen
- Controlling
- Service
Technische Anforderungen
- Architektur
- Schnittstellen
- Datenbank
- Verfügbarkeit
- IT-Sicherheit
- Benutzer- und Rechteverwaltung
- mobile Nutzung
- Performance
- Skalierbarkeit
- Cloud- oder On-Premise-Betrieb
Organisatorische Anforderungen
- Rollenkonzepte
- Freigabeprozesse
- Verantwortlichkeiten
- internationale Strukturen
- Schulung
- Support
- Weiterentwicklung
Anforderungen sollten priorisiert werden. Hilfreich ist eine Einteilung in zwingend erforderlich, wichtig und optional. So lässt sich verhindern, dass eine lange Wunschliste den Blick auf die entscheidenden Auswahlkriterien verstellt.
Das passende ERP-System auswählen
Die Auswahl darf nicht allein auf einer standardisierten Produktpräsentation beruhen.
Ein belastbarer Auswahlprozess umfasst:
- Ziele und Projektumfang festlegen
- Prozesse und Anforderungen dokumentieren
- geeignete Lösungen und Anbieter vorauswählen
- Ausschreibungsunterlagen bereitstellen
- Angebote strukturiert vergleichen
- kritische Prozesse im System demonstrieren lassen
- Technologie und Schnittstellen bewerten
- Einführungs- und Supportmodell prüfen
- Referenzen mit ähnlichen Anforderungen betrachten
- Gesamtkosten und Vertragsbedingungen bewerten
- Projektpartner und Zusammenarbeit beurteilen
- Entscheidung dokumentieren
Produktdemonstrationen sollten auf konkreten Abläufen des eigenen Unternehmens basieren. Dadurch wird sichtbar, wie das System tatsächlich mit branchentypischen und unternehmensspezifischen Anforderungen umgeht.
Cloud oder On-Premise beim ERP-Wechsel?
Ein ERP-Wechsel bietet die Gelegenheit, das Betriebsmodell neu zu bewerten.
Cloud ERP
Bei einem cloudbasierten ERP-System wird die technische Infrastruktur außerhalb des eigenen Unternehmens betrieben. Je nach Angebot können Betrieb, Wartung und Aktualisierungen Bestandteil des Leistungsmodells sein.
Bei der Bewertung sind unter anderem relevant:
- Vertrags- und Betriebsmodell
- Hostingstandort
- Datenschutz
- Verfügbarkeit
- Aktualisierungsprozess
- Anpassungsmöglichkeiten
- Schnittstellen
- Datenexport
- Exit-Regelungen
- laufende Kosten
On-Premise ERP
Bei einem On-Premise-Modell betreibt das Unternehmen die Software in der eigenen oder beauftragten Infrastruktur.
Zu prüfen sind:
- interne IT-Kapazitäten
- Hardware und Betrieb
- Wartung
- Aktualisierungen
- Datensicherung
- Ausfallsicherheit
- IT-Sicherheit
- Remote-Zugriff
- Investitions- und Betriebskosten
Die Entscheidung sollte sich an den individuellen Anforderungen orientieren. Weder Cloud noch On-Premise ist pauschal für jedes Unternehmen die bessere Wahl.
So läuft ein ERP-Wechsel ab
1. Projektorganisation aufbauen
Ein ERP-Wechsel benötigt klare Verantwortlichkeiten und Entscheidungswege.
Zum Projektteam gehören typischerweise:
- Projektleitung
- Unternehmensleitung oder Projektsponsor
- IT
- Vertreter der Fachbereiche
- Key User
- Datenschutz und Informationssicherheit
- ERP-Anbieter oder Implementierungspartner
Die Fachbereiche müssen aktiv beteiligt sein. Ein ERP-System wird nicht nur von der IT genutzt, sondern bildet die operativen Prozesse des Unternehmens ab.
2. Soll-Prozesse entwickeln
Der ERP-Wechsel bietet die Möglichkeit, bestehende Abläufe zu hinterfragen.
Dabei sollte geprüft werden:
- Welche Schritte schaffen einen tatsächlichen Mehrwert?
- Wo bestehen doppelte Erfassungen?
- Welche Freigaben sind notwendig?
- Welche Prozesse können standardisiert werden?
- Wo ist eine unternehmensspezifische Lösung erforderlich?
- Welche Aufgaben lassen sich automatisieren?
- Welche Daten werden für Entscheidungen benötigt?
Ziel ist nicht, jedes Detail des Altsystems nachzubauen. Unnötige Sonderlösungen sollten nicht automatisch in das neue ERP übernommen werden.
3. System konfigurieren
Auf Basis der Soll-Prozesse wird die neue ERP-Umgebung eingerichtet.
Dazu können gehören:
- Organisationseinheiten
- Mandanten
- Nummernkreise
- Buchungslogiken
- Artikel- und Kundenstrukturen
- Arbeitspläne und Stücklisten
- Rollen und Berechtigungen
- Workflows
- Dokumentlayouts
- Berichte
- Schnittstellen
Individualisierungen sollten nur dort eingesetzt werden, wo der ERP-Standard die notwendigen Anforderungen nicht sinnvoll erfüllt.
4. Datenmigration planen
Die Datenmigration ist ein zentraler Bestandteil des ERP-Wechsels. Sie umfasst die Auswahl, Bereinigung, Zuordnung, Übertragung und Prüfung der erforderlichen Daten.
Mögliche Datenarten sind:
- Kunden
- Lieferanten
- Artikel
- Stücklisten
- Arbeitspläne
- Preise und Konditionen
- Lagerbestände
- offene Aufträge
- offene Bestellungen
- offene Posten
- Anlagen
- Benutzer und Rollen
- Qualitätsdaten
- historische Bewegungsdaten
- Dokumente
Nicht alle historischen Daten müssen vollständig in das operative neue System übertragen werden. Für jede Datenart sollte geklärt werden:
- Wird sie weiterhin benötigt?
- Muss sie im neuen ERP verfügbar sein?
- Kann sie revisionssicher archiviert werden?
- Wer ist für ihre Qualität verantwortlich?
- Wie wird die erfolgreiche Übernahme geprüft?
5. Daten bereinigen und transformieren
Vor der Übertragung sollten fehlerhafte, doppelte oder veraltete Daten korrigiert werden.
Typische Probleme sind:
- Dubletten
- fehlende Pflichtfelder
- uneinheitliche Adressformate
- veraltete Artikel
- widersprüchliche Einheiten
- unvollständige Klassifikationen
- ungültige Kontaktdaten
- uneinheitliche Nummernkreise
- fehlende Beziehungen zwischen Datensätzen
Werden schlechte Daten ungeprüft übernommen, werden bestehende Probleme lediglich in das neue System verlagert.
6. Schnittstellen einrichten
Alle relevanten Verbindungen zur übrigen Systemlandschaft müssen rechtzeitig geplant und getestet werden.
Mögliche Schnittstellen bestehen zu:
- Maschinen und Anlagen
- Lagertechnik
- CAD und PDM
- Dokumentenmanagement
- E-Commerce-Plattformen
- CRM
- Banken
- Versanddienstleistern
- EDI
- Business Intelligence
- Zeiterfassung
- Qualitätsmanagement
- externen Partnern
Für jede Schnittstelle müssen Datenquelle, Zielsystem, Übertragungsrichtung, Häufigkeit, Fehlerbehandlung und Verantwortlichkeit festgelegt werden.
7. Testen und abnehmen
Ein ERP-System sollte nicht erst beim Go-live unter realen Bedingungen geprüft werden.
Ein vollständiges Testkonzept umfasst:
- Funktionstests
- Integrationstests
- Prozess- und End-to-End-Tests
- Berechtigungstests
- Schnittstellentests
- Migrationstests
- Last- und Performancetests
- Druck- und Dokumenttests
- Anwenderabnahmen
- Tests kritischer Geschäftsperioden
Die Testfälle sollten reale Geschäftsszenarien abbilden. Dazu gehören auch Ausnahmen, Fehlerfälle und seltene, aber geschäftskritische Abläufe.
8. Mitarbeitende schulen und den Wandel begleiten
Ein technisch funktionierendes ERP-System erzeugt noch keinen wirtschaftlichen Nutzen. Entscheidend ist, dass die Mitarbeitenden die neuen Prozesse verstehen und sicher anwenden.
Das Change Management sollte deshalb früh beginnen und folgende Fragen beantworten:
- Warum wird das System gewechselt?
- Welche Probleme sollen gelöst werden?
- Was verändert sich für die einzelnen Rollen?
- Welche bisherigen Abläufe entfallen?
- Wo erhalten Mitarbeitende Unterstützung?
- Wie wird Feedback aufgenommen?
- Wer entscheidet bei offenen Prozessfragen?
Schulungen sollten rollenbezogen und praxisnah erfolgen. Key User können ihre Fachbereiche während der Einführung und nach dem Go-live unterstützen.
9. Go-live vorbereiten
Vor dem Produktivstart müssen technische, fachliche und organisatorische Voraussetzungen erfüllt sein.
Dazu gehören:
- finale Datenübernahme
- abgestimmter Cutover-Plan
- freigegebene Prozesse
- getestete Schnittstellen
- geschulte Anwender
- erreichbarer Support
- geklärte Verantwortlichkeiten
- Kommunikationsplan
- Notfall- und Rückfallszenario
- Validierung kritischer Anfangsbestände
- definierte Abnahmekriterien
Ein Go-live sollte nicht allein an ein kalendarisches Wunschdatum gebunden sein. Entscheidend ist, ob die vereinbarten Voraussetzungen erfüllt sind.
10. Produktivbetrieb stabilisieren
Nach dem Go-live beginnt eine intensive Stabilisierungsphase.
In dieser Zeit sollten:
- Fehler zentral erfasst und priorisiert werden
- kritische Prozesse eng überwacht werden
- Key User und Support gut erreichbar sein
- Daten und Buchungen regelmäßig kontrolliert werden
- offene Schulungsbedarfe geschlossen werden
- Prozesse bei Bedarf nachjustiert werden
- Projektziele mit den ersten Ergebnissen verglichen werden
Nicht jede Optimierung muss vor dem Produktivstart abgeschlossen sein. Kritische Prozesse und Daten müssen jedoch zuverlässig funktionieren.
Welche Umstellungsstrategie eignet sich?
Big Bang
Beim Big Bang wechseln alle vorgesehenen Bereiche zu einem festgelegten Zeitpunkt auf das neue ERP-System.
Vorteile:
- klare Trennung zwischen Alt- und Neusystem
- kürzere Übergangsphase
- weniger langfristige Doppelstrukturen
Risiken:
- viele Änderungen gleichzeitig
- konzentriertes Go-live-Risiko
- hohe Belastung für Projektteam und Support
Phasenweise Einführung
Das System wird nach Standorten, Gesellschaften, Modulen oder Prozessen schrittweise eingeführt.
Vorteile:
- Erfahrungen aus frühen Phasen können genutzt werden
- geringeres Risiko pro Einführungsschritt
- Belastung lässt sich verteilen
Risiken:
- längere Gesamtlaufzeit
- vorübergehende Schnittstellen zwischen Alt- und Neusystem
- komplexere Abstimmung
Parallelbetrieb
Alt- und Neusystem werden für einen begrenzten Zeitraum gleichzeitig betrieben.
Vorteile:
- Ergebnisse können verglichen werden
- Altsystem bleibt kurzfristig verfügbar
Risiken:
- doppelte Pflege
- erheblicher Zusatzaufwand
- unterschiedliche Datenstände
- unklare führende Systeme
Die passende Strategie hängt von Unternehmensgröße, Prozesskomplexität, Risikotoleranz, Standorten, Datenlage und verfügbaren Ressourcen ab.
Was geschieht nach dem ERP-Wechsel mit dem Altsystem?
Das Altsystem kann häufig nicht unmittelbar abgeschaltet werden. Gesetzliche Aufbewahrungspflichten, historische Belege, Prüfungen oder offene Geschäftsvorfälle können einen weiteren Zugriff erforderlich machen.
Vor der Abschaltung muss geklärt werden:
- Welche Daten müssen weiterhin verfügbar sein?
- In welcher Form müssen sie auswertbar bleiben?
- Welche Dokumente werden archiviert?
- Wer erhält Zugriff?
- Wie lange wird das System technisch betrieben?
- Welche Hardware und Lizenzen werden noch benötigt?
- Wie wird die Sicherheit gewährleistet?
- Wie können Daten für Prüfungen bereitgestellt werden?
- Wann kann die endgültige Stilllegung erfolgen?
Die Archivierung muss bereits während der Migrationsplanung berücksichtigt werden. Sie ist kein nachgelagerter Nebenschritt.
Kosten eines ERP-Wechsels richtig bewerten
Die Kosten hängen von Projektumfang, Unternehmensgröße, Funktionsbedarf, Datenqualität, Schnittstellen und notwendiger Anpassung ab. Allgemeingültige Preise oder Projektlaufzeiten sind deshalb nicht seriös.
Zu den möglichen Kostenarten zählen:
- Software und Nutzungsrechte
- ERP-Implementierung
- Beratung
- interne Projektaufwände
- Prozessanalyse
- Datenbereinigung und Migration
- Schnittstellen
- Anpassungen
- Tests
- Schulungen
- Hardware oder Cloud-Betrieb
- Support
- Parallelbetrieb
- Archivierung des Altsystems
- laufende Wartung und Weiterentwicklung
Demgegenüber stehen mögliche wirtschaftliche Vorteile wie weniger manuelle Arbeit, geringere Fehlerkosten, eine bessere Datenverfügbarkeit, effizientere Planung und der Wegfall veralteter Systeme.
Neben den Kosten eines Wechsels sollten deshalb auch die Kosten des Nichtstuns bewertet werden.
Typische Risiken beim ERP-Wechsel
Unklare Projektziele
Ohne messbare Ziele wird die ERP-Einführung zu einer Sammlung technischer Aufgaben. Entscheidungen lassen sich dann nur schwer priorisieren.
Unvollständige Anforderungen
Werden Fachbereiche zu spät eingebunden, fehlen wichtige Prozess- und Datenanforderungen.
Zu viele individuelle Anpassungen
Ein übermäßiges Nachbauen des Altsystems erhöht Komplexität, Pflegeaufwand und Abhängigkeiten.
Schlechte Datenqualität
Fehlerhafte Stammdaten wirken sich unmittelbar auf Planung, Buchungen und Auswertungen aus.
Unterschätzte interne Ressourcen
Key User und Projektmitarbeitende müssen ihre Projektaufgaben häufig zusätzlich zum Tagesgeschäft erfüllen. Diese Belastung muss realistisch geplant werden.
Unzureichende Tests
Werden nur Standardfälle geprüft, treten Probleme bei Ausnahmen häufig erst im Produktivbetrieb auf.
Fehlendes Change Management
Wenn Mitarbeitende Ziele und Nutzen der Veränderungen nicht verstehen, sinken Akzeptanz und Datenqualität.
Unklarer Go-live-Plan
Ohne verbindlichen Cutover-Plan können Datenstände, Zuständigkeiten und führende Systeme unklar bleiben.
Zu frühe Abschaltung des Altsystems
Historische Daten und gesetzlich relevante Informationen müssen weiterhin verfügbar bleiben.
Checkliste für einen sicheren ERP-Wechsel
Vor der Auswahl
- Wechselgründe dokumentieren
- Probleme des Altsystems bewerten
- Projektziele definieren
- Prozesse aufnehmen
- Systemlandschaft erfassen
- Anforderungen priorisieren
- Budgetrahmen festlegen
- Projektteam bestimmen
Während der Auswahl
- Anbieter und Lösungen vorauswählen
- kritische Prozesse demonstrieren lassen
- Branchenanforderungen prüfen
- Technologie und Schnittstellen bewerten
- Betriebsmodell festlegen
- Referenzen prüfen
- Gesamtkosten betrachten
- Support und Weiterentwicklung bewerten
- Vertrags- und Exit-Regelungen prüfen
Während der Einführung
- Soll-Prozesse freigeben
- Verantwortlichkeiten festlegen
- Datenbestände analysieren
- Daten bereinigen
- Migrationsumfang bestimmen
- Schnittstellen entwickeln
- Berechtigungen einrichten
- Testfälle erstellen
- Testmigrationen durchführen
- Key User schulen
- Anwender vorbereiten
- Go-live- und Notfallplan erstellen
Nach dem Go-live
- Anfangsbestände kontrollieren
- kritische Prozesse überwachen
- Support organisieren
- Fehler priorisieren
- zusätzliche Schulungen durchführen
- Projektziele messen
- offene Optimierungen planen
- Altsystem kontrolliert archivieren oder stilllegen
ERP-Wechsel mit Abas ERP
Abas ERP richtet sich an mittelständische Fertigungsunternehmen mit anspruchsvollen Produktions- und Geschäftsprozessen. Die Lösung verbindet unter anderem Einkauf, Vertrieb, Materialwirtschaft, Fertigung, Lager, Rechnungswesen und Controlling in einem integrierten System.
Bei einem ERP-Wechsel stehen nicht nur technische Funktionen im Vordergrund. Entscheidend ist, dass sich bestehende Prozesse strukturiert analysieren, Daten kontrolliert übernehmen und zukünftige Anforderungen verlässlich abbilden lassen.
Abas ERP unterstützt unterschiedliche Fertigungsarten und lässt sich an veränderte Unternehmensanforderungen anpassen. Ergänzende Funktionen für Feinplanung, Betriebsdatenerfassung, Qualitätsmanagement, Projektmanagement, mobile Anwendungen und Production Intelligence schaffen eine gemeinsame Datenbasis für Planung und operative Umsetzung.
Der ERP-Wechsel sollte dabei nicht als bloßer Austausch eines Altsystems verstanden werden. Er bietet die Möglichkeit, historisch gewachsene Abläufe zu vereinfachen, Insellösungen zu reduzieren und die Systemlandschaft auf eine langfristig tragfähige Grundlage zu stellen.
Fazit: Ein ERP-Wechsel beginnt mit den Prozessen, nicht mit der Software
Ein ERP-Wechsel ist sinnvoll, wenn das bestehende System zentrale Anforderungen nicht mehr erfüllt, notwendige Veränderungen behindert oder erhebliche technische und wirtschaftliche Risiken verursacht. Einzelne Probleme lassen sich möglicherweise durch Optimierung oder ein Upgrade beheben. Treten jedoch mehrere grundlegende Einschränkungen gleichzeitig auf, sollte die vollständige Ablösung geprüft werden.
Der Erfolg hängt nicht allein von der gewählten Software ab. Ebenso wichtig sind klare Ziele, eine fundierte Prozessanalyse, vollständige Anforderungen, eine realistische Projektplanung und die aktive Beteiligung der Fachbereiche.
Besondere Aufmerksamkeit verdienen Datenmigration, Schnittstellen, Tests, Schulung und Go-live. Schlechte Daten und ungeklärte Prozesse werden durch ein neues System nicht automatisch besser. Sie müssen vor und während der Einführung systematisch bearbeitet werden.
Richtig vorbereitet schafft ein ERP-Wechsel die Grundlage für durchgängige Prozesse, aktuelle Informationen und eine Unternehmenssoftware, die nicht nur die heutigen Abläufe unterstützt, sondern auch zukünftige Veränderungen mittragen kann.
Abas ERP Produktbroschüre
Sie möchten wissen, wie die ERP Software von Abas aussieht und welche Funktionen darin enthalten sind?
In der Produktbroschüre werden sämtliche Funktionen detailliert dargestellt und erläutert. Von der Materialwirtschaft über die Feinplanung bis hin zum Projektmanagement, kein Thema kommt hier zu kurz.
