EDIFACT: Einheitlicher Standard für Datenübertragung

EDIFACT steht für Electronic Data Interchange For Administration, Commerce and Transport. Der branchenübergreifende, internationale Standard für strukturierte Daten dient dazu, den EDI-Datenaustausch zwischen Unternehmen zu fördern. Immerhin nutzen ihn derzeit rund 300.000 Unternehmen in Europa, um per EDI beispielsweise Rechnungen, Angebote oder Stammdaten auszutauschen. Das Problem: Intern setzen längst nicht alle der Unternehmen die gleichen Softwarelösungen, Computersysteme und ERP-Systeme ein.
Damit wichtige Dokumente und Informationen dennoch möglichst unkompliziert und ohne Medienbruch ausgetauscht werden können, wurde EDIFACT als einheitlicher Standard für die Datenübertragung entwickelt. Für die Unternehmen heißt das wiederum, Prozesse mit Lieferanten und Kunden stark optimieren zu können und die Wettbewerbsfähigkeit zu erhöhen.
Was ist EDI?
Digitalisierung und Big Data sei Dank tauschen Unternehmen immer mehr Informationen untereinander aus. Produzenten müssen simultan sowohl mit ihren Lieferanten als auch den Kunden kommunizieren, um den Anforderungen an den immer schnelllebigeren Wettbewerb gerecht werden zu können. Doch dabei treten zwei zentrale Probleme beziehungsweise Herausforderungen auf:
Systeme: Nur in den seltensten Fällen dürften Unternehmen die gleichen Softwarelösungen verwenden, die praktisch „eine Sprache" sprechen. Ein Beispiel: Ein Kunde hat einen besonderen Auftragswunsch und verschickt diesen an den Produzenten. Dieser muss hierauf insofern reagieren, als dass andere Vorprodukte beim Lieferanten bestellt werden. Nutzen die Unternehmen unterschiedliche Softwarelösungen, müssen die Konstruktionszeichnungen, Angebote und Co. jedes Mal „manuell" in allgemein nutzbare Formate (PDF, Word o.ä.) beziehungsweise das vom Nachrichtenempfänger genutzte Format übertragen werden. Das ist nicht nur aufwendig, sondern sorgt auch für eine hohe Fehleranfälligkeit.
Geschwindigkeit: In Zeiten von Industrie 4.0 und Digitalisierung ist Geschwindigkeit ein entscheidender Wettbewerbsvorteil geworden. Kunden möchten auch spezielle Produktwünsche möglichst schon gestern erfüllt wissen. Doch die Produktionsgeschwindigkeit hängt nicht nur vom Produzenten selbst ab, sondern auch von seinen Zulieferern. Hier ist Kommunikation und schneller Datenaustausch, der noch dazu fehlerunanfällig ist, wiederum ein wesentlicher Faktor.
Die Lösung für die beiden Probleme heißt EDI (Electronic Data Interchange). Mit dem elektronischen Datenaustausch können Produzenten beispielsweise spezielle Produktanforderungen ihres Kunden direkt an den Lieferanten weiterleiten. Ohne, dass die Informationen erst manuell in andere Formate umgewandelt werden müssen. So gewinnen Unternehmen viel Zeit und minimieren das Risiko, dass bei der manuellen Umwandlung und Übertragung Fehler passieren.

EDIFACT vs. EDI: Was ist der Unterschied?
Viele verwechseln EDI und EDIFACT oder verwenden die Begriffe synonym – doch es gibt einen wichtigen Unterschied: EDI bezeichnet den gesamten elektronischen Datenaustausch zwischen Unternehmen, unabhängig vom genutzten Format. EDIFACT hingegen ist ein spezifischer Standard innerhalb von EDI – entwickelt von der UN/CEFACT (United Nations Centre for Trade Facilitation and Electronic Business) und weltweit normiert durch ISO, DIN und CEN.
Während in Europa EDIFACT dominiert, nutzen nordamerikanische Unternehmen häufiger den ANSI ASC X12 Standard. EDIFACT bietet eine universelle „Sprache" für strukturierte Geschäftsdaten und ermöglicht so papierlose, automatisierte Prozesse über Länder- und Branchengrenzen hinweg.
Wie funktioniert EDIFACT?
EDIFACT ist ein Standard der Vereinten Nationen und damit eine globale Grundlage für den Informationsaustausch – länder- und branchenübergreifend. Schließlich sind auch Produktions- und Lieferketten mittlerweile nicht mehr national oder kontinental organisiert, sondern tatsächlich weltweit. Mit EDIFACT können dabei unterschiedlichste Geschäftsprozesse abgebildet werden, beispielsweise:
- Rechnungen (INVOIC)
- Bestellungen (ORDERS)
- Lieferscheine (DESADV)
- Angebote
- Zollerklärungen
- Stammdaten
- Rentenbescheide
Bis heute wurden schon mehr als 200 solcher EDIFACT-Nachrichten definiert. Allerdings ist der Standard nicht als starre Norm zu verstehen, sondern bietet Geschäftspartnern immer noch ein gewisses Maß an Flexibilität. So können beide Parteien entscheiden, welche Inhalte tatsächlich übermittelt werden sollen.
Aufbau und Syntax von EDIFACT-Nachrichten
Jede EDIFACT-Nachricht folgt einer klar definierten Struktur aus Segmenten und Datenelementen. Ein Segment repräsentiert dabei eine logische Informationseinheit (z. B. Adresse, Datum, Betrag), während Datenelemente die einzelnen Werte innerhalb eines Segments darstellen. Diese strikte Syntax sorgt dafür, dass Nachrichten maschinenlesbar und systemübergreifend interpretierbar sind – unabhängig von der verwendeten Software.
Typische EDIFACT-Nachrichtentypen umfassen:
- ORDERS – Bestellung
- INVOIC – Rechnung
- DESADV – Lieferavisierung
- PRICAT – Preiskatalog
- REMADV – Zahlungsavis
Durch diese Standardisierung wird sichergestellt, dass Daten automatisch verarbeitet und in interne Systeme (z. B. ERP) übertragen werden können – ohne manuelle Eingriffe und damit ohne Fehleranfälligkeit.
Branchenspezifische Subsets: EANCOM, EDIFICE & Co.
Neben dem „Full-EDIFACT-Standard" gibt es zahlreiche branchenspezifische Subsets, die den Standard auf die Bedürfnisse einzelner Branchen zuschneiden:
- EANCOM – Handelsbranche, basiert auf GS1-Standards
- EDIFICE – Elektronikindustrie
- EDITEX – Textilindustrie
- EDIFURN – Möbelindustrie
- CEFIC – Chemiebranche
Diese Subsets reduzieren die Komplexität, indem sie nur die für die jeweilige Branche relevanten Segmente und Datenelemente definieren. So wird die Implementierung vereinfacht und die Kommunikation innerhalb der Branche noch effizienter.
Die Funktionsweise von EDIFACT: Ein Praxisbeispiel
Die Funktionsweise von EDIFACT kann – etwas vereinfacht – an folgendem Beispiel dargestellt werden:
- Der Kunde eines Produzenten möchte, dass eine spezielle Produktspezifikation bei einem neuen Auftrag vorgenommen wird. Zunächst erstellen die Mitarbeiter die Anfrage mit den unternehmensinternen Tools beziehungsweise den Modulen ihres ERP-Systems.
- Das ERP-System erzeugt im ersten Schritt eine Datei im „Inhouse-Format".
- Damit ist die Arbeit des Kunden-ERPs praktisch getan. Die Inhouse-Datei wird jetzt vom EDI-System des Kunden konvertiert – und zwar in eine EDIFACT-Datei, die das empfangende Unternehmen verarbeiten kann.
- Das EDI-System versendet die Datei an das EDI-System des Produzenten. Hier wird die EDIFACT-Datei jetzt „rückübersetzt", aber in die „Sprache" des ERP-Systems des Unternehmens.
Dieses Verfahren läuft vollautomatisiert ab. Sofern das Unternehmen Informationen an seine eigenen Lieferanten weiterleiten müsste, um die Kundenanforderungen erfüllen zu können, würde die „Übersetzung" ebenfalls wieder auf diesem Wege stattfinden.
Notwendig ist es hierfür wiederum, dass das ERP-System als solches überhaupt eine Schnittstelle zum EDI-System hat. In der Regel bieten die Hersteller hierfür aber entsprechende Module beziehungsweise Funktionen an. Durch diese Auslagerung der eigentlichen EDIFACT-Verarbeitung aus dem Hauptsystem kann dort ansonsten ein ständig erforderliches Anpassen der Schnittstelle vermieden werden.
Broschüre
Sie möchten mehr über das Thema Edifact und ERP erfahren?
Dann werden Sie in der Abas ERP Produktbroschüre fündig.
Was sind EDI-Rechnungen?
Elektronische Rechnungen sind ein gutes Beispiel dafür, welche Vorteile der EDIFACT Standard beziehungsweise der elektronische Datenaustausch mit sich bringt. Nicht nur die Erstellung, Versendung, Übermittlung und Entgegennahme werden hier durch EDI automatisiert, sondern auch die Verarbeitung der Rechnung. Das kann beispielsweise ein PDF nur sehr eingeschränkt leisten. Der Ablauf:

- Das Unternehmen verschickt die Rechnung, die zuvor automatisiert im ERP-System auf Basis der Auftragsdaten erstellt wurde, per EDI an seinen Kunden.
- Beim Versand wird die Rechnung dank des EDI Konverters im EDIFACT Standard versendet.
- Diese Informationen kann das System des Empfängers direkt lesen, um die Rechnung automatisch der zuständigen, internen Stelle zuzuordnen – beispielsweise der Rechnungsprüfung oder -freigabe.
- Diese automatisierte Weiterleitung ist beim herkömmlichen PDF nur begrenzt möglich, beziehungsweise nur dann, wenn weitere Software Textfelder und Werte erkennen kann.
- Durch die Verwendung von EDIFACT-Rechnungen entfallen manuelle Eingaben, Fehlerquoten sinken drastisch und die Durchlaufzeiten werden erheblich verkürzt. Zudem erfüllen EDIFACT-Rechnungen bereits heute regulatorische Anforderungen – auch im Hinblick auf künftige E-Invoicing-Pflichten in Deutschland und Europa.
Normierung und internationale Standards
EDIFACT ist nicht nur ein technischer Standard, sondern auch international normiert:
- ISO 9735 – Definition der Syntax und Struktur von EDIFACT-Nachrichten
- DIN EN 16931 – Europäischer Standard für elektronische Rechnungen
- CEN – Europäisches Komitee für Normung
Diese Normierungen sorgen dafür, dass EDIFACT weltweit einheitlich interpretiert und implementiert wird. Unternehmen, die auf EDIFACT setzen, profitieren von einer langfristig stabilen und rechtlich abgesicherten Grundlage für ihren Datenaustausch.
Sicherheit und Datenschutz bei EDIFACT
Ein oft unterschätzter Aspekt: Sicherheit und Datenschutz. EDIFACT-Nachrichten enthalten sensible Geschäftsdaten – von Preisen über Produktspezifikationen bis hin zu persönlichen Kundendaten. Moderne EDI-Systeme setzen daher auf:
- Verschlüsselte Übertragung (z. B. über AS2, OFTP2, SFTP)
- Authentifizierung der Kommunikationspartner
- Integritätsprüfung durch digitale Signaturen
- Audit-Trails für Compliance und Nachvollziehbarkeit
Unternehmen sollten bei der Implementierung von EDIFACT daher nicht nur auf funktionale, sondern auch auf Sicherheitsaspekte achten – insbesondere im Hinblick auf die DSGVO und branchenspezifische Compliance-Anforderungen.
Inwiefern kann ERP hier unterstützen?
ERP-Systeme sind die Basis moderner produzierender Unternehmen. In den ganzheitlich ansetzenden Softwarelösungen erstellen Unternehmen beispielsweise Angebote, haben einen Überblick über Echtzeitinformationen aus der Fertigung oder speichern Stammdaten. Diese Informationen sind allerdings nicht mehr nur unternehmensintern relevant, sondern entlang der kompletten Wertschöpfungskette – vom Rohstoffproduzenten über mögliche Zulieferer bis hin zum Kunden oder dem Endverbraucher.
Moderne ERP-Lösungen sollten daher immer Schnittstellen zu EDI bieten. Nur so können wichtige Informationen mit anderen Unternehmen geteilt werden, um die Geschäftsprozesse zwischen den Unternehmen effizienter zu gestalten und letztlich wettbewerbsfähiger zu sein.
Durch die native Integration von EDI-Modulen in ERP-Systeme entfallen aufwendige Anpassungen, und Unternehmen können ihre Prozesse durchgängig digitalisieren – von der Bestellung bis zur Rechnung, ohne Medienbrüche.
Zukunft von EDIFACT: XML, XRechnung und neue Formate
Obwohl EDIFACT seit Jahrzehnten etabliert ist, entwickelt sich der Standard kontinuierlich weiter. Ergänzt wird EDIFACT heute zunehmend durch XML-basierte Formate wie:
- XRechnung – deutscher Standard für elektronische Rechnungen im öffentlichen Sektor
- ZUGFeRD – hybrides Format (PDF + XML) für Rechnungen
- Peppol – europaweites Netzwerk für E-Invoicing
Diese Formate ersetzen EDIFACT nicht, sondern ergänzen es – je nach Branche, Region und regulatorischen Anforderungen. Unternehmen, die flexibel aufgestellt sind und mehrere Standards unterstützen, sichern sich langfristig Wettbewerbsvorteile.
Vorteile von EDIFACT auf einen Blick
- Automatisierung: Durchgängige Prozesse ohne manuelle Eingriffe
- Fehlerreduktion: Minimierung von Übertragungsfehlern durch strukturierte Daten
- Zeitersparnis: Schnellere Abwicklung von Geschäftsprozessen
- Kosteneffizienz: Reduzierung von Papier, Porto und manueller Arbeit
- Transparenz: Nachvollziehbare Audit-Trails und Compliance-Sicherheit
- Globale Kompatibilität: Weltweit anerkannter Standard
- Skalierbarkeit: Einfache Integration neuer Geschäftspartner
Fazit: EDIFACT als Basis für die Kommunikation
Moderne Wirtschaftsunternehmen müssen immer schneller immer größere Datenmengen nicht nur verarbeiten, sondern auch mit anderen Unternehmen teilen. Nur so können beispielsweise für spezifische Kundenwünsche direkt die nötigen Vorprodukte eingekauft werden.
EDIFACT ist dabei ein weltweiter Standard, auf dessen Basis sich Rechnungen, Angebote, Produktanforderungen und über 200 weitere Geschäftsprozesse verschicken lassen. EDI-Software kann diese Nachrichten dann wiederum lesen und in die (Programmier-)Sprache umwandeln, die die unternehmensinternen (ERP-)Softwarelösungen verstehen. So ist eine reibungslose, schnelle und fehlerunanfällige Kommunikation garantiert.
Der Unterschied zu reinem EDI: EDIFACT ist ein spezifischer Standard mit klar definierter Syntax, Segmenten und Datenelementen – normiert durch UN/CEFACT, ISO und weitere internationale Gremien. Mit branchenspezifischen Subsets wie EANCOM, EDIFICE oder EDITEX können Unternehmen den Standard gezielt auf ihre Bedürfnisse zuschneiden.
Wer heute auf EDIFACT setzt, profitiert von jahrzehntelanger Standardisierung, globaler Akzeptanz und einer stabilen Basis für die digitale Transformation – auch im Hinblick auf künftige Anforderungen wie E-Invoicing, XRechnung und Peppol.