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Ironman World Championship 2017 - Ein Erfahrungsbericht von abas IT-Trainer Thilo Schmalkoke

abas-Mitarbeiter Thilo Schmalkoke auf dem Rad beim Ironman 2017

Der Ironman auf Hawaii ist der härteste Triathlon der Welt. Die physisch und psychisch zurückzulegende Distanz beträgt 225 Kilometer: 3,8 km Schwimmen, 180 km Radfahren und 42 km laufen. Thilo Schmalkoke ist IT-Trainer bei uns und überquert nach nur 10 Stunden, 38 Minuten und 31 Sekunden die Ziellinie im hawaiianischen Kailua-Kona. Damit belegt Thilo Rang 689 bei den Männern, von insgesamt 2500 teilnehmenden Triathletinnen und Triathleten. In seiner Altersklasse der 45- bis 49-Jährigen wird es am Ende Platz 107. In einem persönlichen Rennbericht fasst Thilo seine Erlebnisse und Gefühle während des Wettkampfs zusammen:

„Aloha! Es ist kurz vor 7:00 Uhr. Die Sonne erhebt sich gerade über dem Vulkan Hualalai und ich schwimme in der Bucht von Kailua-Kona im welligen Pazifik die 150 m zum Start. Mit den Füßen im Wasser strampelnd warte ich mit über 2.300 anderen Teilnehmern auf den erlösenden Startschuss der legendären Ironman Weltmeisterschaft auf Hawaii.

Der Kanonenböller ertönt – Ist das jetzt wirklich gleich der Start zum Ironman auf Hawaii? Es fühlt sich unwirklich an. War der Start nicht schon viel vorher? Bei den vielen unzähligen Trainingseinheiten? Ab wann beginnt so ein Wettkampf? Die vielen Eindrücke der letzten Tage schießen mir durch den Kopf.

Dieser Wettkampf ist extrem - extrem in jeder Hinsicht: die notwendige Qualifikation, die Reise einmal um den ganzen Globus, das Klima, … aber auch die mediale Aufmerksamkeit, die den Wettkampf im Vorfeld begleitet. Schon bei der Ankunft vor neun Tagen in Kona wird klar: Hier herrscht Ausnahmezustand und alle machen mit!

Die Registrierung und Abholung der Startunterlagen kann ab Dienstag vor dem Rennen im Hotel King Kamehameha direkt am Pier erfolgen. Über 5.000 freiwillige Helfer sorgen in der nächsten Woche dafür, dass alle Athleten sich gut versorgt und aufgehoben fühlen.

Die Registrierung übernehmen rund 50 gut gelaunte und äußerst höfliche ältere Herrschaften - vornehmlich Damen. Jede hätte eine Hauptrolle in den „Golden Girls“ verdient. Ich unterschreibe mindestens zehn Dokumente, bestätige alles, was mir vorgelegt wird. Im Gegenzug erhalte ich die Startunterlagen: Startnummer, Badekappe, Zeitnahmechip und den obligatorischen Rucksack. Am Ausgang fällt mir eine mindestens 80 Jahre junge Dame auf. Sie hält einen Plastikfuß in der Hand, der zeigt, dass der Zeitnahmechip am linken Sprunggelenk angebracht werden soll und mit einer Sicherheitsnadel zu fixieren ist. Sie strahlt dabei die ganze Zeit und ist stolz darauf, für uns Athleten da zu sein. Sie symbolisiert die unglaubliche Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft aller Volunteers.

Am Dienstagabend läuft dann noch die Nationen-Parade über den Alii Drive. Dies ist die Hauptstraße durch Kona und auch Teil der Laufstrecke. Hier rennen bereits seit Tagen Modellathleten und die, die es gerne wären, jeden Alters zu jeder Tageszeit hoch und runter. Die Parade kann man sich vorstellen, wie der Stadioneinlauf der Athleten bei den Olympischen Spielen. Alle sind gut gelaunt und die Atmosphäre ist extrem locker. Das ZDF berichtet live im Morgenmagazin und wir, die über 200 deutschen Athleten, versuchen die Moderatorin Annika Zimmermann während der Live-Übertragung von ihrer Arbeit abzuhalten.

Am Mittwoch erfolgt die Wettkampfbesprechung in deutscher Sprache für Ironman-Verhältnisse sehr unspektakulär, fast unprofessionell, denn einige Fragen der Athleten konnten nicht direkt beantwortet werden. Am Donnerstag um 7:30 Uhr steht der “Underpants Run“ auf dem Programm. Fast alle Teilnehmer laufen in schriller Unterwäsche über den Alii Drive. Hintergrund ist ursprünglich die „Verwunderung“ der Einheimischen über die vielen, nur sehr spärlich bekleideten, Athleten im Training in der Vorwoche auf ihrer Insel. Inzwischen wird im Rahmen der Veranstaltung Geld für wohltätige Zwecke gesammelt. Auch ich präsentiere mich in der von meiner Familie kunstvoll gestalteten Unterhose mit dem Schriftzug „Daddy Cool“.

Am Abend ist dann noch das offizielle Welcome-Bankett, jetzt endlich mit viel Pathos und Emotionalität. Bei leckerem Essen wird hier der Ironman-Hawaii-Spirit gefeiert, ehemalige Sieger erzählen ihre Geschichte und geben uns das Gefühl, dass jeder von uns etwas Besonderes ist.

Und ganz plötzlich ist es schon Freitag und nur noch ein Tag bis zum Wettkampf. Es ist Zeit, mein Rad und die Wechselbeutel einzuchecken. Im Gegensatz zu den anderen Rennen kommen wir Teilnehmer am Morgen des Wettkampfes nicht mehr an die Beutel vor dem Start heran. Wechselbeutel habe ich im Grunde schon zigfach vor jedem Wettkampf gepackt. Dennoch spreche ich mich gefühlt hundertmal mit anderen ab, ob ich nicht doch etwas Entscheidendes vergessen habe.

abas IT-Trainer Thilo Schmalkoke nach dem Schwimmen

Beim Rad-Check-in nimmt jeweils ein Volunteer einen Teilnehmer an die Hand und führt ihn durch die Wechselzone. Meiner kommt aus Seattle. Er musste sich bewerben, wurde ausgewählt, hat extra Urlaub genommen und ist auf eigene Kosten nach Kona geflogen. Er führt mich zum Platz von meinem Fahrrad in der Wechselzone und hilft mir dabei, meine zwei Beutel mit den Sachen für das Radfahren und Laufen an den jeweils nummerierten Haken zu hängen.

Ab jetzt gibt es kein Zurück mehr. Die Spannung und das Kribbeln steigen, nur noch einmal schlafen. Apropos: Geschlafen habe ich die ganze letzte Woche schlecht. Ich bin jede Nacht mehrfach wach geworden und habe mich im Bett gewälzt. Müde war ich während der Tage dann erstaunlicherweise dennoch nicht. Wahrscheinlich waren die vielen Eindrücke und Erlebnisse einfach so überwältigend. Die letzte Nacht vor dem Wettkampf verläuft daher wie die anderen Nächte. Ich benötige keinen Wecker und bin um 3:45 Uhr wach. Zum Frühstück gibt es Brei und anschließend geht es mit Schwimmanzug, Schwimmbrille, Badekappe und Zeitnahmechip zum Start.

Das letzte offizielle Prozedere vor dem Start: „Body Marking“. Je nach Wettkampfanzug und Körperbehaarung bekommen alle Athleten ihre Startnummer entweder auf den Ober- oder Unterarm geklebt, gestempelt oder geschrieben. Danach werden wir nochmals alle gewogen und das Gewicht notiert. Dann ist es endlich geschafft. Ein letzter Gang aufs Dixi und eine SMS an die Familie daheim. Fertig machen zum Schwimmen und den Beutel mit den Sachen für den Zielbereich abgeben.

Die Profis sind bereits seit 30 Minuten auf der Strecke, als um 7:05 Uhr die Kanone für uns Amateure böllert. Ich versuche, ruhig zu bleiben und meinen Rhythmus zu finden. Im Großen und Ganzen gelingt mir dies auch gut und ich bleibe grundsätzlich von den nicht unüblichen Vollkontakt-Kloppereien im klassischen Bud-Spencer-Dampfhammerstyle verschont. Das Wasser ist 27 Grad warm und sehr salzig. Das Salz sorgt für Reibung und Scheuerstellen, daher habe ich alle kritischen Stellen vor dem Start mit einer dicken Vaseline-Schicht eingecremt. Das Wasser ist so klar, dass wir durchgehend in einem großen Aquarium voll mit Fischen schwimmen. Die Strecke ist einfach. 1.850 m geradeaus in den Pazifik, 100 m quer um zwei Boote und 1.850 m zurück zum Start. Am Wendepunkt bemerke ich erst mal, dass ich die Schwimmbrille aus Angst vor deren Verlust zu fest angezogen habe. Sie drückt und fängt an zu nerven. Ich versuche mich abzulenken. Dies gelingt mir zunehmend schlechter. Ich entschließe mich kurz zu stoppen, um die Brille etwas zu lockern. Leider ohne großen Erfolg. Die Wellen nehmen auf dem Rückweg zu. Ich bekomme ein flaues Gefühl im Magen von der elenden Schaukelei und von der Überdosis Salz. Hoffentlich bin ich hier bald raus.

Früher als gedacht ballern jetzt auch die ersten schnellen Schwimmerinnen an mir vorbei. Unfassbar, dass die Frauen 20 Minuten nach uns Männern gestartet sind. Nach fast 1:18 h bin ich endlich aus dem Wasser. Die schmerzende Brille runter. Kurz das Salzwasser abduschen, Socken und Radschuhe an die Füße, Sonnenbrille und Helm auf den Kopf und ab auf die Radstrecke.

abas IT-Trainer Thilo Schmalkoke bei der Ironman-WM auf Hawaii

Zu Beginn ist die Radstrecke sehr gnädig. Mit leichtem Rückenwind geht es den Queen K Highway Richtung Norden. Bei der Anzahl von Teilnehmern ist es sehr schwer, den vorgeschriebenen Abstand von sechs Radlängen zum Vordermann zu halten. Einige Teilnehmer versuchen es gleich gar nicht. Es bilden sich immer wieder kleine Gruppen. Trotzdem sehe ich nur sehr wenige Fahrer(innen) in den Strafzelten sitzen. Nach 60 km auf dem Rad kommt plötzlich und unverhofft extrem böiger Wind auf. Dazu hat dieser auch noch gedreht und weht uns Teilnehmern direkt ins Gesicht. Ich versuche, mich klein zu machen und nicht zu viel Kraft im Wind zu vergeuden.

Die Spitze der Profis kommt mir gerade entgegen. Sie haben das Schlimmste der Radstrecke bereits hinter sich. Ich versuche, die vorbeischießenden Athleten zu erkennen. „War das nicht der Kienle? Frodo sieht noch frisch aus! Oh, der Sanders kloppt aber rein.“ Die einzige Ablenkung in über fünf Stunden ist dann nach wenigen Sekunden schon wieder vorbei. Zuschauer an der Strecke? Fehlanzeige! Aber wer ist auch so bekloppt und stellt sich bei über 30 Grad auf einen Highway mitten im Lava Feld? Ab Kilometer 80 wird es dann richtig anstrengend. Jetzt steigt die Straße langsam an und der Wind von vorne wird immer heftiger. Oben am Wendepunkt in Hawaii biegen sich die Palmen.

Endlich die Wendemarke erreicht und jetzt geht es mit Rückenwind die Abfahrt herunter. Entspannen – denkste! Der Wind bläst so böig, dass man keine Sekunden abschalten kann. Zum Teil wechsel ich aus Angst in den Oberlenker, denn es verreißt mir den Lenker. Nach der Abfahrt dann das erwartete Bild. Der Wind lässt nach, dreht aber erneut. Jetzt geht es 70 km leicht wellig im steten Gegenwind zurück nach Kona. Ich überhole ständig Athleten, die sich vermutlich im Wind auf der Hinfahrt bereits abgeschossen haben. Mir geht es gut, ich genieße das Rennen erstmals in vollen Zügen. Ich kann meine geplante Rennintensität und Wattwerte bis zum Ende durchtreten und freue mich schon aufs Laufen. Das Radfahren beende ich nach weniger als 5:30 Stunden, was einen guten 33er-Schnitt bedeutet.

In der Wechselzone läuft wieder alles voll automatisiert ab. Absteigen, Helm runter, Rad abgeben, Schuhe ausziehen und auf zum Beutel mit den Laufsachen. Hier merke ich zu meiner eigenen Überraschung, dass sich die Beine, die eben noch so geschmeidig die geforderte Leistung gebracht haben, wie Blei anfühlen. Wird sich schon geben, denke ich mir, und stiefele erst mal los. Ich bemerke auch schon die eine oder andere Blase an den Füßen vom Radfahren. Das übermäßige Kühlen mit diversen Wasserflaschen auf der Radstrecke hat für einige Scheuerstellen an den Füßen gesorgt. Die ersten Kilometer sind rasch abgespult, die Lockerheit ist aber noch immer nicht in den Beinen angekommen. Gefühlt muss ich bereits früh zu viel investieren, um auf den geplanten 5 min/km Schnitt zu kommen. Ich registriere, wie heiß es eigentlich ist. Entlang der Laufstrecke kommen alle 2 km Verpflegungsstellen mit Getränken und Eiswürfeln. Ich kippe mir an jeder Verpflegungsstelle zwei Becher mit Eiswürfeln zur Kühlung in den Rennanzug. Nach wenigen Augenblicken sind diese wieder komplett aufgelöst.

abas-Kollege Thilo Schmalkoke beim Zieleinlauf beim Ironman Hawaii 2017

In der Regel zieht sich der Himmel am Nachmittag in Kona etwas zu. Die Wolken kommen vom Vulkan herab und sorgen dafür, dass man nicht in der prallen Sonne steht. Heute ist es anders, keine Wolken, Sonne total. Trotzdem schaffe ich es, auf den ersten 16 km des Alii Drives meinen Schnitt zu halten. Zurück am Start geht es kurz steil die Palani Road hoch auf den Highway für die letzten 26 km. Ich rede mir die Reststrecke klein. „Jetzt nur noch ein lockerer langer Trainingslauf im Zuckeltrapp. Das ziehen wir jetzt noch locker runter…“.

Ich muss mein Tempo reduzieren. Die Sonne brennt weiter unerbittlich. 10 km bis zum Abzweig in das gefürchtete „Energy Lab“. Es sind die längsten 10 km meines Lebens. Ich leide auf dem flimmernden Asphalt des Queen K Highway. Ich komme gefühlt nicht voran. Die wellig ansteigende Straße kommt mir vor wie ein Alpengipfel. Es ist heiß und es bleibt heiß. Vom „Energy Lab“ zurück hinauf zum Highway nähert sich meine Laufgeschwindigkeit der kritischen Grenze von 6 km/min. Endlich wieder oben auf dem Highway. Jetzt nur noch ein lockerer 10-km-Lauf bis zum Ziel.

Ich fühle mich erleichtert und kann auch wieder etwas beschleunigen. Auf einen 5 min/km komme ich nicht mehr, will ich auch nicht mehr, ist mir auch egal, Hauptsache ich laufe. Das Ziel kommt langsam näher und es stehen auch wieder vereinzelnd Zuschauer an der Straße. Ab Ortseingang Kona sind es noch 2 km Triumphmarsch durch Kona. Die Zuschauer jubeln. Ich höre gefühlt zum tausendsten Mal „good job“. Ein letztes Mal einbiegen auf den Alii Drive. Die Musik wird lauter und dann endlich höre ich Mike „The Voice of Ironman“ Rilley meinen Namen sagen: „Thilo, you are an Ironman!“ Dabei tänzel ich die Rampe zum Zielbogen hoch und vergesse nicht für meine Kinder daheim am Live-Stream den „Dab“ zu machen und für meine Frau zu lächeln. Ich bin fix und fertig, aber glücklich! Unglaublich, der Cocktail Glückshormone, der in diesem Augenblick durchs Blut schießt.

„Ein ganz dickes Mahalo und einen Dank an alle, dass ich diesen Moment erleben darf. Ab nach Hause, zu meiner Frau und meinen Jungs.“

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