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Die Auswirkungen des Brexit auf den deutschen Mittelstand

Brexit Auswirkungen

Kaum ein Thema treibt den deutschen Mittelstand in den letzten Wochen mehr um, als der Brexit. Welche Branchen sind besonders betroffen? Wie wirkt sich das Referendum auf Exporte, Importe und Zölle aus und welche Anpassungen sind in ERP-Systemen erforderlich? Wir beleuchten die Folgen der britischen Rechtsreform umfassend für Sie.

Welche Branchen trifft der Brexit besonders?

Etwa 20 Prozent der deutschen Mittelständler rechnen mit Einbußen im Geschäft durch den Brexit. Eine gewisse Nervosität macht sich breit, da gerade der Mittelstand häufig nicht wie Konzerne in der Lage ist, Verluste durch andere Geschäftsbereiche auszugleichen. Haupteinflussfaktor ist der Freihandel. Fällt dieser, sind laut Kreditversicherer Euler Hermes Exporte von 38 Milliarden Euro in Gefahr. Zollbeschränkungen würden den Handel drastisch erschweren und Lieferzeiten verlängern. Kommen im Extremfall noch verschiedene Zulassungsverfahren zur Anwendung, wären Unternehmen gezwungen, zwei verschiedene Produktvarianten – für die EU und Großbritannien – herzustellen. Verunsicherte Geldgeber bremsen Mittelständler zusätzlich aus.

Am massivsten wird der Brexit die Automobilindustrie und deren Zulieferer treffen. Immerhin wurden im vergangenen Jahr 810.000 Pkw auf die Insel exportiert. Mit 100 Standorten sind deutsche Automotive-Konzerne und deren Zulieferer in Großbritannien vertreten. Die Gretchenfrage für die gesamte Branche ist, ob ein Freihandelsabkommen geschlossen wird, oder nicht.

Weiterhin könnte der Brexit-Entscheid zu Abwanderungen bei den rund 500 „FinTechs“ führen. Es handelt sich hierbei um Anbieter von Online-Bezahlsystemen und Transaktionsdiensten. Hintergrund ist, dass diese Unternehmen ihre Anerkennung als EU- bzw. EWR-Finanzinstitutionen verlieren könnten.

Auch die deutsche Schlüsselindustrie, der Maschinenbau, blickt mit gemischten Gefühlen auf einen seiner wichtigsten Exportmärkte. 2015 lieferten die Unternehmen ein Gesamtvolumen von 7,2 Milliarden Euro in das Königreich. Fehlende Planungssicherheit im Hinblick auf mögliche Verteuerungen der Exporte lähmen bereits jetzt Investitionen und die Einstellung von Personal.

Was passiert mit britischen Rechtsformen?

Betrachten wir zunächst die gesellschaftsrechtliche Situation. Deutsche Unternehmen mit britischer Rechtsform, wie die „Limited“ (Ltd.) oder die „Public Limited Company“ (PLC) müssen zunächst davon ausgehen, dass Anerkennungsschwierigkeiten im Rest Europas entstehen. Sollte es nicht gelingen, die sogenannte Niederlassungsfreiheit beizubehalten, müssten die Gesellschafter entweder persönlich haften oder die Umwandlung in eine GmbH durchführen. Die ist jedoch mit hohem zeitlichen und finanziellen Aufwand verbunden. Betroffen wären annähernd 10.000 „Limiteds“ in Deutschland.

Wird die Arbeitnehmerfreizügigkeit eingeschränkt?

Deutsche Unternehmen, die Niederlassungen in Großbritannien betreiben, könnten dazu gezwungen werden, Arbeitserlaubnisse und Visa für ihre Mitarbeiter beantragen zu müssen. Hintergrund ist, dass die Rechtsgrundlagen der Dienstleistungsfreiheit und Arbeitnehmerfreizügigkeit nach dem EU-Austritt der Briten keine Gültigkeit mehr haben. Obwohl es für hoch qualifizierte Mitarbeiter nicht problematisch sein wird, die Genehmigungen zu erhalten, kommt auf Mittelständler dennoch ein erheblicher bürokratischer Aufwand zu.

Auswirkungen auch im Steuerrecht?

Noch ist kaum abschätzbar, welche steuerrechtlichen Folgen der Brexit haben wird. Im schlimmsten Fall könnten jedoch rückwirkende Besteuerungen, der Entfall der EU-Besteuerungshoheit oder eine Wegzugssteuer zu enormen finanziellen Aufwänden führen.

Handelsabkommen verlieren Gültigkeit

Laut Roberto Azevêdo, Generaldirektor der Welthandelsorganisation WTO sind alle EU-Handelsabkommen für Großbritannien ab dem Zeitpunkt des Brexit ungültig. Sie müssen allesamt neu verhandelt und abgeschlossen werden. Es wird daher einige Zeit vergehen, bis deutsche Mittelständler Transparenz über die weitere Zusammenarbeit mit dem Vereinigten Königreich erhalten. Solange dies nicht gegeben ist, sind größere und langfristige Investitionen kaum möglich.

Steigende Logistikkosten

Unternehmen, die Intercompany-Transporte durchführen, müssen möglicherweise höhere Logistikkosten in Kauf nehmen. Neue Zoll- und Steuerregelungen könnten die innerbetrieblichen Transporte zu einem finanziellen Risiko machen. Die entstehenden Mehraufwände würden letztlich den Druck auf die Produktionskosten erhöhen. Hieraus könnte wiederum die Notwendigkeit entstehen, die komplette Lieferkette zu überdenken.

Brexit Auswirkungen

Welchen Herausforderungen stehen ERP-Systeme beim Brexit gegenüber?

Das EU-Referendum nimmt selbstverständlich auch Einfluss auf Unternehmens-Prozesse oder Regelungen in der Buchhaltung und bringt Herausforderungen bei Steuern sowie im Personalmanagement mit sich. Mittelständler, die Kunden, Lieferanten oder Standorte in Großbritannien haben, müssen daher ihre Unternehmensrichtlinien und ihre Software anpassen.

Grundsätzlich ist es für betroffene Unternehmen nun wichtiger denn je, ein kontinuierliches und agiles Innovationsmanagement zu besitzen. Hierzu gehören unbürokratische Prozesse, die außerdem schnell anpassbar sind. Gleiches gilt für ERP-Lösungen – wer hier bereits jetzt auf Systeme mit hoher Flexibilität und internationaler Ausrichtung setzt, profitiert klar. Für Mittelständler, die veraltete, zu starre Software nutzen und darüber hinaus Geschäftsbeziehungen mit Großbritannien unterhalten, ist jetzt ein günstiger Zeitpunkt, um auf eine moderne Lösung umzusteigen und sich damit fit für anstehende Veränderungen zu machen. In diesem Zusammenhang ist es sinnvoll, unicode-fähige Systeme zu wählen, um auch für Sprachen wie Russisch oder Chinesisch gerüstet zu sein. Nicht nur Dokumente, sondern auch die Benutzeroberflächen und Hilfesysteme sind von dieser Thematik betroffen.

Eine „brexit-sichere“ ERP-Lösung muss weiterhin in der Lage sein, neue Gesetzeslagen, Buchhaltungsregeln und Bankensysteme sowie geänderte Prozesse flexibel abbilden zu können. Hinzu kommen steigende Anforderungen an alle Module, die sich mit Außenhandel, Zollabwicklungen, Einfuhren und Exportvorgängen beschäftigen. Das Reporting muss ebenfalls entsprechend dynamisch anpassbar sein.

Die Abbildung verschiedener Währungen und Steuersätze sind sicherlich banale Themen, sie seien aber dennoch erwähnt, denn nicht jede Software erfüllt diese Anforderung standardmäßig. Unter Beachtung von Compliance-Richtlinien, die zunehmend an Bedeutung gewinnen, ist das Maß der Dinge eine Null-Fehler-Toleranz, weshalb Rechnungen beispielsweise sämtlichen (geänderten) gesetzlichen und steuerlichen Vorgaben entsprechen müssen. Auch Faktoren wie Standardkontenrahmen sowie Vertrags-, Handels- oder Urheberrecht sind zu beachten.

Von Vorteil ist weiterhin eine ERP-Lösung mit sogenannter Multi-Site-Fähigkeit. Sie ist in der Lage, sämtliche Unternehmensbereiche wie Finanzen, Produktion, Lager sowie Einkauf und Vertrieb an allen deutschen und britischen Standorten abzudecken und vor allen Dingen zu konsolidieren. Wichtige Kennzahlen wie Kosten, Umsätze oder Lagerbestände fließen dann zusammen und können in der Zentrale „auf Knopfdruck“ und in Landeswährung als Reports ausgegeben werden. Internationale Daten liegen somit in einheitlicher Form vor, was die Buchhaltung und das Controlling massiv vereinfacht.

Wie geht es für den deutschen Mittelstand nun weiter?

Da der Brexit möglicherweise den Zugang zum EU-Binnenmarkt einschränken wird, ist es ratsam, als Mittelständler bereits jetzt einige Vorkehrungsmaßnahmen zu treffen. Unter Berücksichtigung möglicher rechtlicher und marktbedingter Restriktionen muss der aktuelle Produktmix auf seine Zukunftsfähigkeit hin überprüft werden. Es ist zudem an der Zeit, die eigenen Prozesse ganzheitlich auf den Prüfstand zu stellen, die Abläufe schlanker und die Produktion effizienter zu gestalten. Schon jetzt sollten Geschäftsprozesse an Standorten im In- und Ausland harmonisiert werden. Ist dies mit der bestehenden Software-Landschaft nicht darstellbar, stellt sich abschließend die Frage, ob nun nicht der Zeitpunkt für einen Wechsel zu einem international ausgerichteten und flexiblen ERP-Anbieter gekommen ist.

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